Das
neue Auswahlverfahren erzeugt breiten Unmut, der nur deshalb nicht überschwappt, weil es die jetzt Studierenden nicht mehr betrifft. Andere Stimmen finden es gar nicht schlecht und fragen:
"Warum sollen Studienplätze nicht nach der Qualität der Bewerber vergeben werden?" Darauf wollen wir gerne antworten.
Von
Qualität kann ich nur angesichts einer Ware sprechen. Dem Menschen wird ein
Wert zugewiesen. Dieser Wert bemisst sich sich nach seiner Fähigkeit, im System bzw. zu funktionieren und Spitzenleistungen zu erbringen. Wir halten diese Sicht für
inhuman. Dass die
Universität Leuphana sich auf ihrer Webseite als "humanistisch" bezeichnet, ist vor diesem Hintergrund nur noch zynisch.
Sascha Spoun bezeichnet
Bildung als Privileg. Privilegien werden gewährt und sind kein Recht, das jeder Bürger hat. Privilegien sind immer etwas, von dem die nicht Privilegierten bewusst ausgeschlossen werden sollen. Wenn der Hochschulzugang zum Privileg umgewidmet wird, wird der Ungleichheit in der Gesellschaft Vorschub geleistet. Auf diese Weise erzeugt man eine Unterschicht bzw. eine Elite. Das dahinterstehende Weltbild ist aristrokratisch und antidemokratisch. Das steht in völligem Widerspruch zu den von den
Vereinten Nationen deklarieten Menschenrechten:
Art. 26: (...) Der Hochschulunterricht muß allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.
Natürlich können nicht alle studieren. Für viele Menschen wäre ein Studium auch eine Zumutung und Überforderung. Für andere ist es ein Lebenstraum. Unsere Großeltern und Eltern haben enorme Anstrengungen unternommen, um nachfolgenden Generationen ein Studium zu ermöglichen, das zuvor nur einer kleinen Elite offenstand. Der gesellschaftliche Fortschritt, der erzielt wurde, wird nun gedankenlos wieder zerstört. Und das in Zeiten, in denen allgemein beklagt wird, dass es in Deutschland zu wenige Akademiker gibt.
Besonderes Augenmerkt gilt für die Aussage "entsprechend ihrer Fähigkeiten". Zur Feststellung der Studierfähigkeit gibt es die
Allgemeine Hochschulreife oder die
fachgebundene Hochschulreife. Wo nicht alle Studierenden zugelassen werden können, werden die besten anhand des
Numerus Clausus ausgewählt. Der NC mag für viele Einzelschicksale unfair sein. Kann das ein Argument dafür sein, ihn durch etwas noch unfaireres zu ersetzen? In einigen Studiengängen hat man das erkannt: So wird für angehende Mediziner ein besonderer Test verlangt, während man Kunst, Musik und Design sogar ganz ohne Abitur studieren kann, aber das nötige Talent nachweisen muss. Nichts spricht dagegen, für konkrete Studiengänge bestimmte Auswahlkriterien einzuführen.
ABER: An der
Universität Leuphana gelten die Kriterien nicht fachgebunden für einzelne Studiengänge sondern (mit kleinen Ausnahmen) für das ganze College. Das Hauptkriterium ist die Abitnurnote, es bleibt also im Kern bei einem NC, welcher durch Nebenkriterien ergänzt wird.
Von den 13 Kritierien beziehen sich ganze 4 auf die Studierfähigkeit: Studienrelevanter Auslandsaufenthalt, Preisträger bei Jugend forscht, Begabtenstipendium, Fremdsprachenkenntnisse. Von diesen ist zumindest der Auslandsaufenthalt noch mit Vorsicht zu genießen, weil sich sehr viele Abiturienten eine solche Reise finanziell gar nicht leisten können. Denkt einfach mal zurück an Eure Oberstufenzeit: Wie hoch war der Anteil der Schüler, die z.B. Austauschjahr im Ausland gemacht haben? Wie hoch der Anteil der Schüler, deren Eltern das nicht bezahlten konnten?
Damit sind wir beim zweiten Auswahlkriterium, der
sozialen Selektion. Allzu früh Vorstandsmitglied eines Unternehmens dürfte vor allem derjenige werden, dessen Eltern ein solches Unternehmen gehört. Alles andere sind extrem seltene Ausnahmen. Und zur Gründung eines eigenen Unternehmens genügt es eben nicht, dass ein begnatetes Programmiertalent eine kleine Firma gründet; ein Handelsregistereintrag soll es sein! Woher nimmt man das für eine GmbH nötige Eigenkapital von 25000 €? Die Teilnahme an Wettbewerben wie "Jugend forscht" oder eine sportliche Karriere bis in die Olympia-Mannschaft ist ebenfalls stark erschwert, wenn dem Elternhaus der finanzielle Hintergrund fehlt. Profisportler können in den wenigsten Sportarten von ihrem Sport leben, von ganz wenigen Spitzensportlern abgesehen. Eine politische Karriere in einem Parlament dürfte sozial schwachen Schülern äußerst schwierig fallen, da die hierfür notwendigen Seilschaften meist nur in Familien der sozialen Oberschicht zur Verfügung stehen.
Von den 13 Kritierien dienen also 8 direkt oder indirekt der sozialen Auslese. Dabei ist noch nicht mitgerechnet, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten es bei gleicher Intelligenz wesentlich schwerer haben, z.B. an ein Stipendium der Begabtenförderung zu kommen oder besondere Fremdsprachenkenntnisse zu erlangen. Auch solche Kriterien sind typisch für wohl siturierte Elternhäuser. Eigentlich sind es also fast alle Kritierien, die sozial schwache Bewerber abdrängen.
Besonders honoriert werden soll
soziales Engagement. Ist das wirklich so? Bonuspunkte erhält, wer ein freiwilliges soziales/ökologisches/kulturelles Jahr absolviert, wer Schulsprecher war oder im Stadtradt/Landtag/Bundestag saß. Sicher, ein "freiwilliges Jahr" oder eine Schulsprechertätigkeit stehen auch sozial schwachen offen. Was ist mit einem Bewerber, der seine Angehörigen zuhause pflegt, sich im Tierheim engagiert, Zivildienst in einem Pflegeheim gemacht hat, eigene Kinder in die Welt gesetzt hat, sich in der (Kommunal-)politik jenseits der Parlamente (z.B. in den ganzen Beiräten) engagiert, die Schülerzeitung mit gestaltet hat, als Aufseher in Jungendferienlagern mitgeholfen hat, sich im kirchlichen Bereich, dem Roten Kreuz, Feuerwehr, Rotary Club oder einer Partei engagiert hat oder bei Greenpeace, BUND, Attac usw. usw. usw? Diese Liste ließe sich noch sehr weit verlängern.
Die Auswahl der Bonuspunkte zeigt unserer Meinung nach, dass es dem Präsidium/Senat eben nicht darum geht, gesellschaftliches Engagement zu honorieren, sondern nur Engagement in Bereichen, die üblicherweise nur einer sozialen Oberschicht offenstehen.Bevorzugt wird, wer vor dem Studium eine Ausbildung absolviert hat.
Das ist das einzige Kriterium, das sozial schwache Bewerber fördert, weil viele wegen der knappen Finanzlage der Eltern zunächst auf ein Studium verzichten. Hauptschüler bekommen heute oft nur noch unter schwierigsten Bedingungen einen Ausbildungsplatz. Selbst Realschüler haben große Schwierigkeiten, da in vielen Berufen nur noch Abiturienten genommen werden. Diese Abiturienten verschärfen also die Lage auf dem Arbeitsmarkt für weniger qualifizierte, wenn sie nach ihrer Ausbildung sowieso studieren gehen.
Selbstverständlich wollen wir niemanden die persönliche Entscheidung, zunächst eine Ausbildung zu machen, vorwerfen. Die Entwicklung sollte aber nicht noch durch die Vergabe von Bonuspunkten verstärkt werden.
Fassen wir zusammen:
- Von 13 Nebenkriterien dienen nur 4 der Feststellung der Studierfähigkeit
- Mindestens 8 Kriterien dienen der sozialen Ausgrenzung
- 3 weitere Kriterien wirken ebenfalls in bildungsfernen Schichten sozial ausgrenzend
- 11 Kriterien unterstützen Bewerber aus der sozialen Oberschicht, trotz schlechtem Abi einen Studienplatz zu ergattern
- Nur 1 Kriterium fördert sozial Schwache, nicht ohne den Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt zu verschärfen
Die besten kommen durch. Alle anderen müssen einen Test vor Ort machen. Das halten wir für eine völlig unangemessene Entwertung des Abiturs. Bei diesen Test zählt die Fähigkeit, Leistung unter Druck zu erbringen (Schriftlicher Test). Ein solcher Test sagt wenig über die tatsächliche Intelligenz aus, z.B. weil manche Menschen langsamer aber dafür gründlicher denken als andere. Außerdem finden persönliche Auswahlgespräche statt. Optimisten hoffen, dass sie dazu dienen, Bewerber reinzulotsen, die unverdient schlecht abgeschnitten haben. Pessimisten sehen darin nur einen Test auf Stallgeruch. Es gibt zahllose Studien, die die Wirkungslosigkeit solcher Gespräche belegen. Getestet werden im Grunde Auftreten und Eloquenz und Gesinnung.
Man stelle sich vor, alle Universitäten würden so verfahren und Du hast ein mittelmäßiges Abi ohne besonderes "Highlights": Du müsstest dich sicherheitshalber an 5-10 Hochschulen bewerben. Alle diese Hochschulen wollen 30 € Eintritt. Außerdem brauchst Du eine Fahrkahrte (zwischen 0 und 150 € je nach Entfernung) und ggf. zwei Übernachtungen in einer Jugendherberge (40 €). 5 Bewerbungen an Hochschulen würden demnach außer sehr viel Zeit 1500 € kosten. Wir bezweifeln, dass beispielsweise die Arbeitsagentur diese Kosten für Kinder von Hartz-IV-Empfängern übernimmt.
Was genau ist eigentlich der Sinn dieses Auswahlverfahrens? Wenn jeder, der Abitur hat, studieren kann, können sich die Unternehmen ihre Bewerber doch aussuchen: Nach Studiengang, Lebenslauf, Engagement ...und Universität! Der einzige plausible Grund ist, dass
die Uni sich als Eliteanstalt profilieren möchte. Gesucht wird angepasstes McKinseyfutter, aber keine eigenwilligen Querdenker und Kreative, vor allem keine "Normalos". Bevorzugt werden Bewerber aus sozial hochgestellten Familien.
Wir befürchten, dass das keine Kandidaten sind, die hier in Lüneburg interessante Dinge auf die Beine stellen, vielleicht später bleiben und die städtische Kultur bereichern, sondern vor allem welche, die sich mit Hochdruck in ihr Studium stürzen, um anschließend für die internationale Konzernkarriere wieder aus der Stadt zu verschwinden. Die Universität Lüneburg und die Stadt Lüneburg werden nicht mehr dieselbe sein, wenn erst einmal ein paar Jahre mit dieser Auswahl ins Land gegangen sind...
Selbst wem das alles egal ist, wen die sozialen und moralischen Dimensionen einer solchen Auslese nicht nicht stören, sollte sich streng ökonomisch fragen: Können wir uns eine derartige Ausgrenzung von Talenten erlauben?